Dokumentation - Fachforum 6
„Was die Welt zusammenhält – Kontinuität und Wandel unseres Wertebildes“
„Was die Welt zusammenhält – Kontinuität und Wandel unseres Wertebildes“ war die Überschrift unter der zahlreiche Gäste und Referenten zur Denkfabrik 2010 diskutierten. Michael Sagurna moderierte das Podium, in dem Andreas Böer, Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Ingrid Mössinger, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, Prof. Dr. Elmar Anhalt, Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sowie Frank Richter, Direktor der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung, über Werte und ihre Bedeutung in der Gesellschaft diskutierten. Im Folgenden soll die Diskussion in Thesen zusammengefasst werden.
Moderne komplexe Gesellschaften können Werte nicht mehr als allgemeinverbindlich vorgeben. Sie setzen damit die einzelnen Menschen unter Zwang, sich für die Werte zu entscheiden, die sie in der gegebenen Situation als richtig ansehen. Moderne Gesellschaften setzen die Menschen nicht nur „frei“, sich zu entscheiden, sondern sie setzen diese gleichermaßen unter Zwang, sich entscheiden zu müssen. In der modernen Gesellschaft kann man sich nicht nicht entscheiden.
Werte, die verschwunden sind, waren womöglich keine. Wenn ein Wert für das menschliche Leben und Zusammenleben wirklich elementar wichtig ist, wird er sich immer wieder erkennbar und bemerkbar machen. Gerade dann, wenn ein Wert für lange Zeit „out“ oder tot schien, kam seine Renaissance.
Daher ist Wertewandel ein Wort / ein Begriff, der die Sache, um die es geht, nicht genau trifft. Die Werte wandeln sich nicht. Was sich wandelt, sind unsere Wertevorstellungen und unsere Werteskalen.
Die Demokratie ist keine reibungslose oder konfliktfreie Veranstaltung. Sie ist darauf angewiesen, verschiedene Werte gegeneinander abzuwägen. Deshalb können Werte eine Gesellschaft in ihrem Bestand nicht nur festigen, sie können sie ebenso auf eine heilsame Weise beunruhigen. Im Erlernen von Regeln bei Aushandlungsprozessen und bei der Suche nach Konsens oder Kompromiss geschieht Werteerziehung.
Im Osten Deutschlands ist die Demokratie gerade mal 20 Jahre alt. Das Territorium der DDR war das einzige in Europa, über das zwei pseudoreligiöse Diktaturen mit einem totalitären Heilsanspruch hintereinander hinweg gegangen sind. Autoritäre Denkstrukturen und Verhaltensmuster sind nach wie vor stark ausgeprägt. Grundsätzliche Einstellungen, die dem demokratisch verfassten Gemeinwesen zugrunde liegen, sind schwach ausgeprägt: persönliche Verantwortung für das eigene Leben, Solidarität, Respekt vor dem Andersdenkenden, Toleranz, Zivilcourage, Kompetenzen im Umgang mit Konflikten etc.
Ein seit dem frühen 19. Jahrhundert offenes Problem ist bis heute nicht beantwortet: Wenn wir davon ausgehen müssen, dass der Mensch durch Umgang mit anderen Menschen erst die moralischen Gepflogenheiten seiner Kultur kennenlernt, dann ist der Mensch von Haus aus ein amoralisches Lebewesen. Eine Gesellschaft, die diese Annahme nicht ernst nimmt, geht ein großes Risiko ein.
Eine Gesellschaft, die diese Möglichkeit ernsthaft in Erwägung zieht, müsste große Anstrengungen unternehmen, um die Personen und Institutionen zu unterstützen, die darum bemüht sind, den nachwachsenden Generationen dabei zu helfen, stabile und für die Gemeinschaft förderliche Wertebindungen einzugehen.
Wertevermittlung wird in unserer Gesellschaft zu klein geschrieben. Die besonderen Situationen und Medien der Wertevermittlung sind aus dem Alltag der heranwachsenden Menschen weitgehend verbannt worden. Die Erwachsenen haben ihre Verantwortung für eine solide Wertevermittlung aufgekündigt.
Werte müssen gelebt und erlebt werden. Werteerziehung geschieht erfahrungsbezogen. Erfahrungen entstehen durch reflektiertes Erleben. Wesentliche Voraussetzungen einer erfolgreichen (schulischen) Werteerziehung sind deshalb:
- ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung;
- die Vorbildwirkung der Autoritäten;
- die demokratischen Partizipationsmöglichkeiten.
Es gilt bestimmte Entwicklungen in unserer Gesellschaft im Blick zu behalten:
- geistige Orientierungslosigkeit
- der von vielen Menschen erlebte Zwang, sich darzustellen, zu „präsentieren“
- besonders tiefe Verunsicherung von Männern und Jungen hinsichtlich ihrer sozialen Stellung und ihrer Rollen
- die Vertiefung sozialer Unterschiede werden als prinzipielles Versagen der sozialen Marktwirtschaft interpretiert“
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