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Dokumentation - Fachforum 1

Sachsen 2020 – Auf dem Weg zur modernsten Wirtschaftsregion Europas

Bis zum Jahr 2020, so Ministerpräsident Stanislaw Tillich in seiner Regierungserklärung im Sächsischen Landtag im November 2009, sei es das Ziel, Sachsen zu einer der modernsten Wirtschaftsregionen Europas zu entwickeln. In der von Dr. Dieter Schütz, Ressortchef Politik, Wirtschaft und Nachrichten der Sächsischen Zeitung, geleiteten Podiumsdiskussion im Fachforum 1 der Denkfabrik Sachsen 2010 sprachen hochrangige Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft darüber, wie es dem Freistaat gelingen kann, diese außerordentliche Herausforderung erfolgreich zu meistern. Die ca. 200 interessierten Gäste freuten sich auf eine spannende und lebhafte Diskussion.

„Der primäre Indikator dafür, ob ein Land oder eine Region fortschrittlich aufgestellt ist oder nicht“, so Frau Dr. Jutta Günther von Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, „ist die technologische Leistungsfähigkeit.“ Hier stehe Sachsen hervorragend da. Bei Investitionen in Forschung und Entwicklung in der Wissenschaft belege Sachsen nicht nur den Spitzenplatz unter den neuen Bundesländern, sondern lasse auch einige westdeutsche Bundesländer hinter sich. Vor allem sei es in Sachsen vorbildlich gelungen, an traditionelle Stärken auch im Low- und Medium-Tech-Bereich, wie bspw. dem Automobilbau, erfolgreich anzuknüpfen.

Von zentraler Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Sachsen kristallisierte sich auch während der Diskussion das Thema Bildung und Wissenschaft heraus. Prof. Dr. Karl Leo, Direktor des Instituts für Angewandte Photophysik an der TU Dresden und Institutsleiter am Fraunhofer Institut für Photonische Mikrosysteme in Dresden, bestätigte die hervorragende Entwicklung der außeruniversitären Forschungslandschaft in Sachsen seit den 1990er Jahren. Sorgen mache er sich dagegen um die sächsischen Hochschulen: „Seit 1993 bin ich nun als Hochschullehrer an der TU Dresden tätig und seitdem jagt eine Kürzungsrunde die andere!“ Dies kollidiere mit dem immer wieder propagierten Ziel der „Exzellenz“ an sächsischen Hochschulen.

Dabei, so Frau Dr. Patricia Solaro von der Bayer AG und Vertreterin des Verbandes der chemischen Industrie e.V., sei gerade Exzellenz an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen der Schlüssel für die Ansiedlung innovativer und leistungsstarker Unternehmen. Denn diese Exzellenz liefere die Gewähr für ausgezeichnet ausgebildetes Personal. Die Bayer AG, so Frau Dr. Solaro, erwirtschafte lediglich 15% ihres Gesamtumsatzes in Deutschland, gäbe aber 60% ihres 2,9 Mrd. Euro starke Forschungsetats in Deutschland aus. „Doch Sachsen profitiert davon noch eindeutig zu wenig.“

Der sächsische Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Georg Milbradt gab zu Bedenken, dass eine erfolgreiche Entwicklung Sachsens nur ohne die Aufnahme neuer Schulden möglich ist. Deshalb müssten in den nächsten Jahren die Staatsausgaben radikal gekürzt werden. Vor allem gehe es um eine deutliche Verringerung der Finanzierung des Gegenwartskonsums und eine stärkere Konzentration auf Investitionen in die Zukunft.

In der Vergangenheit setzten die sächsischen Landesregierungen in der Wirtschaftspolitik insbesondere auf so genannte „Leuchttürme“, d.h. sie konzentrierten Fördergelder und Investitionen auf bestimmte Wachstumskerne, wie z.B. die Mikroelektronik. Die Richtigkeit dieser Entscheidung konnte Frau Dr. Günther anhand ihrer Forschungstätigkeit nur bestätigen, denn mit dem Gegenteil der Leuchtturmpolitik, dem „Gießkannenprinzip“, habe man anderswo deutlich schlechtere Erfahrungen gemacht. Diesem fügte Prof. Milbradt hinzu: „Gerade auch für den ländlichen Raum haben die wirtschaftlichen Zentren mit ihren Leuchttürmen überhaupt erst Chancen eröffnet.“ Dass die Leuchtturmpolitik auch die Grundlage für die sächsische Wirtschaftspolitik des gerade begonnenen Jahrzehntes darstellen könnte, halten beide für unwahrscheinlich. Stattdessen müsse das Hauptaugenmerk nun auf das „organische Wachstum bereits bestehender oder neu gegründeter Unternehmen“ gelegt werden, so Frau Dr. Günther. In diesem Zusammenhang hob Prof. Leo nochmals die Bedeutung der Exzellenz an den Hochschulen hervor, indem er darauf verwies, dass viele der heute global erfolgreichen Unternehmen, vor allem im IT-Bereich, ihren Ursprung in Ausgründungen amerikanischer Eliteuniversitäten haben.

Ein nicht zu unterschätzendes Potential für die Entwicklung der mehrheitlich klein- und mittelständisch geprägten sächsischen Wirtschaft liegt im Auf- und Ausbau von Netzwerkstrukturen. In einem Impulsreferat stellte Frau Dr.-Ing. Claudia Scholta von der RKW Sachsen GmbH eines der bereits bestehenden Wirtschaftsnetzwerke Sachsens, die Verbundinitiative Automobilzulieferer Sachsen, vor. Diese Verbundinitiative unterstützt Unternehmen insbesondere bei einer stärkeren Vernetzung mit der Wissenschaftslandschaft und fördert Projekte sowohl zur Produkt- als auch zur Prozessinnovationen. Durch die Vernetzung, so Frau Dr. Scholta, sei es in Zeiten immer knapper werdender finanzieller Ressourcen besser möglich, die vorhandenen Finanzmittel intelligent zu verteilen. Nicht zuletzt belege die Verdopplung der Mitarbeiterzahlen in der sächsischen Automobilzuliefererindustrie seit 1999, dem Gründungsjahr der Verbundinitiative, den Erfolg des Netzwerks.

Als prägender Faktor der Politik wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten der demographische Wandel erweisen, welcher zu einem Rückgang der Bevölkerung, vor allem der arbeitenden Bevölkerung, auch und insbesondere in Sachsen führen wird. Deshalb forderte Prof. Milbradt eine Anpassung in der Ausbildung der Jugendlichen: „Wir können uns nicht länger eine Bildung leisten, die nicht zu Beschäftigung führt!“ So müsse die Schulabbrecherquote gesenkt, das duale Ausbildungssystem gestärkt und die Ausbildung mehr auf die Bedürfnisse am Arbeitsmarkt ausgerichtet werden. „Eine Ausbildung nur um der Ausbildung willen, ist der falsche Weg“, so Milbradt weiter. Auch Frau Dr. Solaro stimmt dem zu und forderte schon in der Schule eine stärkere Konzentration auf die so genannten MINT-Fächer, die sie als „Motoren der Innovation“ bezeichnete.

Daneben, so Prof. Milbradt, müsse sich auch Sachsen darauf einstellen, dass es zum Einwanderungsland werde. Dabei forderte er stärkere Anstrengungen bei der Integration der Einwanderer: „Wir können dabei aus den Fehlern Berlins und der westlichen Bundesländer lernen. Wir wollen keine Einwanderung in die Sozialsysteme, deshalb muss bei den Zuwanderern besser auf am Arbeitsmarkt gefragte Qualifikationen geachtet werden.“

Frau Dr. Solaro mahnte in diesem Zusammenhang an, gut ausgebildeten jungen Frauen die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben zu erleichtern: „Hier liegt enormes Potential.“ Zwar habe Sachsen bei der Infrastruktur zur Kinderbetreuung einen klaren Vorsprung gegenüber den alten Bundesländern, doch gilt es diesen zu behaupten und wenn möglich weiter auszubauen.

Am Ende waren sich die Diskutanten einig, dass Sachsen, im Vergleich zu anderen Bundesländern, für die Bewältigung der Herausforderungen der nächsten Jahre sehr gut gerüstet ist. Entscheidend wird aber sein, dass man sich nicht auf dem bisher Erreichten ausruht, sondern konsequent die eigenen Stärken weiterentwickelt. Als Grundlage dafür müssen auch in Zukunft ein ausgeglichener Staatshaushalt und eine hohe Investitionsquote vor allem in den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung dienen.

 

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