Dokumentation
In den vergangenen Jahren hat sich der globale Wissenswettlauf immer mehr beschleunigt und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Deutschland befindet sich zunehmend im internationalen Wettbewerb um Talente, Technologien und Marktanteile. Dabei werden Bildung, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung immer stärker zu den entscheidenden Faktoren für wirtschaftliches Wachstum, Arbeitsplätze und die Wettbewerbsfähigkeit von Regionen und Nationen. Als Land der Denker und Erfinder besitzt Deutschland traditionell eine ausgeprägte Kultur für innovative Forschung und Entwicklung mit enormem ökonomischen Potential. Um dieses Potential in Zukunft noch erfolgreicher nutzen zu können, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft spürbar erleichtern und beschleunigen.Um über diesen wichtigen Themenkomplex diskutieren zu können, folgten am 21. September 2010 ca. 300 namhafte Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung der Einladung der Sächsischen Union und der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der CDU Sachsen zum „Innovationsforum 2010" in das Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI) in Dresden.
Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch den Generalsekretär der Sächsischen Union, Herrn Michael Kretschmer MdB, begrüßte der Direktor des MPI, Herr Prof. Dr. Marino Zerial, die versammelten Gäste. „Eine starke Forschung", so Professor Zerial, „schiebt die Grenzen unseres Wissens immer weiter." Sie sei außerdem der Garant für die Entstehung neuer erfolgreicher Unternehmen und damit vieler Arbeitsplätze. Großes Potential stecke nach Ansicht Professor Zerials auch in einer stärkeren Vernetzung von Partnern aus der Wissenschaft und der Wirtschaft. Als ein gelungenes Beispiel nannte er dabei das rund um die Bewerbung der Technischen Universität Dresden zur Exzellenzinitiative des Bundes entstandene Partnernetzwerk „DRESDEN-concept". Hier sei es gelungen eine starke Allianz aus Forschung, Ausbildung, Infrastruktur und Verwaltung zu schaffen.
Im Anschluss daran hielt die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Frau Prof. Dr. Annette Schavan MdB, eine Grundsatzrede unter dem Titel „Kooperieren oder Verlieren – Technologietransfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft". Im internationalen Vergleich der Industrieländer, so Frau Professor Schavan, ist der Anteil an der Wertschöpfung, der auf Innovationen beruht, in Deutschland am höchsten. Deshalb sei es unmittelbare Aufgabe der Wirtschaftspolitik in Deutschland Innovationen zu fördern und zu bestärken. Dafür seien Kooperationen auf mehreren Ebene notwendig.
Zum einen ginge es um die erfolgreiche Kooperation zwischen verschiedenen Bundesländern und Regionen. In den letzten 20 Jahre seit der Deutschen Wiedervereinigung haben sich bereits vielfach erfolgreiche Kooperationen zwischen Ost und West, aber auch zwischen Nord und Süd entwickelt.
Dabei dürften aber weder Landes- noch Staatsgrenzen als Barrieren für Netzwerke und Kooperationsmodell wirken. Da 90% des in der Welt generierten Wissens außerhalb Deutschlands entstünden, sind ebenfalls internationale Kooperationen von großer Bedeutung. „Denn wir wollen an diesem Wissen teilhaben", so die Ministerin. Außerdem seien viele Unternehmen, auch klein- und mittelständische Unternehmen (KMU), ohnehin global aufgestellt.
Ein großes Ziel der Bundesregierung sei es, den Übergang von Erkenntnissen aus der Wissenschaft in die Unternehmen weiter zu vereinfachen und zu beschleunigen. Die Grundlage dafür bildet die High-Tech-Strategie der Bundesregierung, in deren Zuge die Netzwerkbildung zwischen Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft in Form von ressortübergreifenden Spitzenclustern und Innovationsallianzen weiter unterstützt werden soll.
Dabei gab Frau Professor Schavan zu bedenken, dass technologische Entwicklungen und Innovationen niemals im luftleeren Raum, sondern immer im gesellschaftlichen Kontext stattfinden. Deshalb müssten die Akteure aus der Wissenschaft auch immer den Dialog und die Kooperation mit der Öffentlichkeit suchen. Die Bürger wollen als Beteiligte aktiv an gesellschaftlichen Veränderungen teilnehmen und nicht als Betroffene vor vollendete Tatsachen gestellt werden. In diesem Verständigungsprozess spielen auch die Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften eine wichtige und gestaltende Rolle.
Die Bundesministerin endete ihre Rede mit einem Zitat von Hans Jonas: „Handle stets so, dass die Wirkungen deiner Handlungen die Permanenz menschlichen Lebens ermöglichen." Dieser Gedanke müsse die Grundlage jeder wissenschaftlichen und forschenden Tätigkeit bilden.
An die Rede von Frau Professor Schavan schloss sich eine von Herrn Prof. Dr. Günther Schneider MdL, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag, moderierte Podiumsdiskussion zum Thema „Innovation und Kooperation" an.
Am Beispiel der Biotechnologie zog Herr Dr. Wilhelm Zörgiebel, Geschäftsführer der Biotype Diagnostic GmbH, eine durchaus positive Bilanz der Forschungsförderung in Deutschland: „Wir sind auf einem guten Weg. Wir dürfen jetzt aber nicht nachlassen!" Im Bereich der Biotechnologie habe sich vor allem die Förderung der Cluster- und Netzwerkbildung bewährt. Dadurch sei es in den letzten Jahren gelungen, viele neue und erfolgreiche Unternehmen zu gründen, die hochinnovative Wege beschreiten und zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen haben. Die Biotype Diagnostic GmbH selbst stehe stellvertretend für den Erfolg der Fördermaßnahmen: „Mittlerweile haben wir alle gewährten Fördermittel über Steuergelder wieder zurückgezahlt", stellte Dr. Zörgiebel heraus.
Als Geschäftsführer des Instituts für Holztechnologie Dresden gGmbH, einer externen Industrieforschungseinrichtung, mahnte Dr. Steffen Tobisch eine stärkere Erfolgsorientierung im Bereich Forschung und Innovation an: „Eine Innovation ist erst dann eine Innovation, wenn sie sich am Markt etabliert hat. Zuvor handelt es sich lediglich um interessante wissenschaftliche Ergebnisse." Die Hochschulen müsste nach Meinung Dr. Tobischs ihr Hauptaugenmerk auf eine hohe Qualität in der Ausbildung und nicht auf das Einwerben von Drittmitteln legen. Des Weitere plädierte er dafür, an die Vergabe von Fördermitteln eine strengere Erfolgskontrolle der Forschung zu koppeln.
Auch Dr. Stefan Sauer, Abteilungsleiter Health Care Management und Health Political Operations der Novartis Pharma GmbH, beschäftigte sich zunächst mit der Frage, was eigentlich eine „Innovation" sei: „Eine Innovation ist mehr als nur ,etwas Neues'. Eine Innovation verändert unser Leben als Individuum und als Gesellschaft nachhaltig positiv." In diesem Zusammenhang stelle sich jedoch immer die Frage: Was ist der Gesellschaft eine bestimmte Innovation wert? Dabei gehe es sowohl um den Aspekt der Finanzierung von Forschung und Herstellung neuer Produkte als auch die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz von Innovationen. Beispielhaft könne dafür im Gesundheitsbereich die geplante Nutzensbewertung bei der Neueinführung von Medikamenten genannt werden. „Grundsätzlich ist diese Bewertung eine gute Sache. Aber wer bestimmt denn, was besser ist und welche finanziellen Aufwendungen für eine bestimmte Verbesserung angemessen sind?", so Dr. Sauer. Dies könne nur Aufgabe des Gesetzgebers, nicht des Gemeinsamen Bundesausschusses, sein.
Im Bereich Forschung, Entwicklung und Innovation in Sachsen konstatierte Andreas Lämmel, Mitglied des Deutschen Bundestages und Landesvorsitzender der MIT Sachsen, in den letzten Jahren einige Rückschritte im Vergleich zu den 1990er Jahren. Vor allem gäbe es einen Mangel an wirkungsvollen Instrumenten zur Organisation der Vernetzung von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Das Ziel müsse die Optimierung der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in Sachsen sein. „Ich sehe in Berlin täglich, mit welchem Engagement und Geschwindigkeit die süddeutschen Bundesländer für ihre Projekte und Vorhaben werben und kämpfen. Davon können und müssen wir Sachsen noch eine Menge lernen", so Herr Lämmel.
Die Younicos AG hat sich einem ehrgeizigen Ziel verschrieben. Man will die notwendigen Voraussetzungen schaffen, dass der Anteil der erneuerbaren Energien an der deutschen Energieversorgung langfristig auf 100% steigen kann. Dabei, so Christian Müller-Elschner vom Management Team der Younicos AG, habe man einen neuen Weg eingeschlagen. Ohne Fördermittel setze man ganz auf eigene Investitionen der Unternehmen. Die zentrale Aufgabe des Staates sei dabei die Stimulation der Nachfrageseite nach dem Vorbild der Solarindustrie. Hier sieht er vor allem die kommunale Ebene in der Pflicht. Auf diese Art und Weise, so Müller-Elschner, sei auch den KMU am besten geholfen.
Eine andere Auffassung vertrat allerdings Prof. Dr. Jochen Großmann, Geschäftsführender Gesellschafter der GICON-Großmann Ingenieur Consult GmbH. Forschung im KMU, so Professor Großmann, sei immer mit Fördermitteln verbunden. Damit werde das Risiko des Unternehmens gepaart mit Unterstützung, um den Weg zu einer erfolgreichen Markteinführung zu bereiten. Besonders schwierig sei es für KMU auf internationalen Märkten Fuß zu fassen. Hier können Kooperationen mit großen Konzernen sehr hilfreich sein um Türen zu öffnen, die sonst verschlossen blieben. Dringend geboten sei auch eine höhere Flexibilität und Schnelligkeit bei der Bearbeitung von Anträgen und der Bewilligung von Fördermaßnahmen.
Große Konzerne wie EADS würden in aller Welt mit Fördergeldern und Unterstützungszusagen umworben. „Warum also sollten Konzerne noch in Deutschland investieren?", fragte Dr. Richard K. Arning, Vice President EADS Innovation Works. Die High-Tech-Strategie der Bundesregierung, so Dr. Arning, sei im internationalen Vergleich etwas Einmaliges. Dadurch werde, wie sonst nirgends auf der Welt, die Nachhaltigkeit staatlichen Handelns und staatlicher Unterstützungsleistungen garantiert. Dies mache den Standort Deutschland auch weiterhin äußerst attraktiv. Auch für Dr. Arning liege in der Netzwerk- und Clusterbildung großes Potential. Allerdings müsse es gelingen in den Netzwerken sowohl Wissenschaft und Forschung als auch die fertigende Industrie, die Zuliefererindustrie und die Ausbildungsinstitutionen zu verknüpfen. Außerdem müssen regionale Spitzencluster verstärkt eigenständige Profile ausbilden.
Zum Schluss der Diskussion wurde die Frage nach dem Potential Sachsens an alle Diskussionsteilnehmer gerichtet. Professor Großmann hob dabei noch einmal die hervorragende universitäre und außeruniversitäre Forschungslandschaft hervor, mahnte aber die Einbindung aller Hochschulen in den Innovationsprozess an: „Eine Konzentration auf Exzellenzinitiativen wird nicht ausreichen." Herr Müller-Elschner und Herr Dr. Zörgiebel betonten beide nochmals die Wichtigkeit der Netzwerk- und Clusterbildung zwischen Wissenschaft, Konzernen und KMU. Hier lägen die großen Entwicklungspotentiale der Zukunft. Für Andreas Lämmel stehe bei allem aber immer die Frage im Vordergrund, was denn am Ende konkret für die sächsische Wirtschaft heraus käme. Darauf antwortete Dr. Sauer, dass große Konzerne wie Novartis oder auch Netzwerke den Forschungseinrichtungen finanzielle Mittel zur Forschung und Entwicklung bereitstellen. Dadurch entstünden in der Forschung direkt und indirekt in der spätere Produktion neue Arbeitsplätze bzw. würden bestehende Arbeitsplätze gesichert.
Nach Abschluss der Diskussion konnten die Referenten und Gäste in angenehmer Atmosphäre, bei einem kleinen Imbiss und erfrischenden Getränken die Diskussion weiter vertiefen und neue Kontakte knüpfen.
