Begrüßung
„Sachsen hat Zukunft“
Lieber Michael Kretschmer,
liebe Freunde des Internets und der Sächsischen Union, die Internet Night ist eine Tradition, die zu Dresden gehört wie die Chipschmiede von AMD. Die Sächsische Union zeigt mit der Internet Night, dass Sachsen der modernere Teil Deutschlands ist. Die Sächsische Union macht damit sichtbar, wofür wir alle arbeiten: Sachsen hat Zukunft.
Ich freue mich, dass wir nun schon zum dritten Mal gemeinsam darüber nachdenken, welche Chancen das Internet für uns bietet. Auch die Risiken werden hier nicht ausgeblendet, aber ich denke, wir sind uns einig: Die Chancen überwiegen die Risiken bei weitem.
Sich mit der Zukunft zu befassen, ist ein komplexes Geschäft. Wie komplex, das macht eine Szenariostudie von Siemens deutlich. Die Zukunftsforscher hatten 76 kritische Deskriptoren mit je zwei Alternativen festgelegt. Damit wollten sie künftige Entwicklungen beschreiben. Schnell war klar: Das geht nicht. Es wären 276 Szenarien möglich gewesen, oder 75 Milliarden Billionen. Man musste sich auf einige wenige Basisszenarien festlegen.
Komplexität beherrschen und zugleich reduzieren – darum geht es heute in vielen Zukunftsbranchen. Darum geht es für Wissenschaftler, Ingenieure, Programmierer, aber auch für uns Politiker. Ja, auch Politik ist eine Zukunftsbranche. Denn soviel steht fest: von unsere heutigen Entscheidungen hängt ab, was morgen und übermorgen sein wird.
Sicher ist auch: Die Zukunft ist nicht die Verlängerung der Gegenwart. Die Zukunft wird anders sein.
Erinnern wir uns an die Anfänge der mobilen Kommunikation. 1992 gab es hier erstmals Mobiltelefone, GSM-Handys, mit denen man im D- und E-Netz telefonieren konnte. Damals hat man gespottet, GSM stehe für „Gott sende Mobiltelefone“, weil es nicht genug Handys gab, um die Nachfrage zu decken.
Wie anders heute! Ein Handy ersetzt heute eine ganze Batterie von Gerätschaften. Man kann mit dem Handy SMS und Emails verschicken, fotografieren, fernsehen, Musik hören und ins Internet gehen. Auch gibt es heute keine Knappheit mehr. Weltweit wurden 2007 mehr als 1,3 Mrd. Mobiltelefone verkauft. Das Handy ist heute allgegenwärtig und aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken.
Das Beispiel zeigt: Wir haben es bei der technischen Entwicklung nicht mit linearen, sondern exponentiellen Trendkurven zu tun. Neue Technologien brauchen eine Weile, bis sie Fuß fassen, aber dann sind sie aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken.
Und sie schaffen Arbeit, in Forschung und Entwicklung, Herstellung, Vermarktung, Verkauf und Service. Wer bei den neuen Technologien dabei ist, hat Zukunft. Wer sie verschläft, ist bald Vergangenheit.
Wir müssen uns also fragen: Was können wir hier in Sachsen tun, um zur Zukunft zu gehören?
Aus meiner Sicht gibt es da zwei Bereiche. Erstens müssen wir die aktuellen Trends erkennen und verstärken. Wir müssen auf der Welle surfen, ehe der Trend über uns hinwegrollt. Zweitens müssen wir die Bedingungen dafür schaffen, dass wir über hinreichend Fitness und Geschicklichkeit verfügen, um nicht vom Surfbrett zu fallen.
Was die Trends betrifft: Viele Zukunftsindustrien haben wir schon hier, gerade in Dresden. Die Chip-Industrie gehört natürlich dazu, aber auch das Feld der organischen Halbleiter, der Oleds. Hier entsteht gerade ein weltweit beachteter Cluster dieser Zukunftstechnologie.
Nicht weit von hier baut zum Beispiel Plastic Logic gerade seine Fabrik für elektronisches Papier auf Basis organischer Halbleiter. Wenn das funktioniert, brauche ich keinen Aktenkoffer voll Unterlagen mehr mitzunehmen, sondern nur noch ein Stück dünne Plastikfolie. Das wird einer Menge Bäume das Leben retten.
In der Nachbarschaft von Plastic Logic forscht das Fraunhofer Institut für Photonische Mikrosysteme an Oleds. Im Reinraum des IPMS werden für die Firma MED Mikrodisplays auf Oled-Basis hergestellt. Die Novaled AG, eine Ausgründung der TU, ist Weltmarktführer bei der Oled-Technologie. Die Heliatek GmbH, eine andere TU-Ausgründung, wird in einigen Jahren Solarzellen auf Oled-Basis herstellen – und damit die Photovoltaik vom knappen Rohstoff Silizium unabhängig machen.
Das ist eine Zukunftstechnologie. Ob wir sie haben entscheidet darüber, ob wir uns ein Stück vom weltweiten Wachstum sichern oder nicht. Wir haben deshalb von Anfang an darauf gesetzt, solche Zukunftstechnologien zu unterstützen. Nicht mit der Gießkanne, sondern sehr gezielt und wohldosiert. Der Erfolg gibt uns recht: Heute ist Dresden der wichtigste Standort der europäischen Halbleiterbranche.
Auch in anderen Bereichen ist Sachsen führend, etwa bei den Materialwissenschaften oder der Energie- und Umwelttechnik. Diese Bereiche werden unser Leben und unsere Wirtschaft in Zukunft ganz entscheidend prägen. Ein Beispiel für die große Anwendungsbreite dieser Technologien ist das Forschungszentrum Rossendorf. Dort wird an neuen Therapien gegen Krebs ebenso geforscht wie an Materialien, die den extremen Bedingungen in einem Fusionsreaktor standhalten können. Gesundheit und Energie – das sind die großen Zukunftsthemen.
Diese Technologien erlauben uns, gesünder zu leben und stärker im Einklang mit der Natur zu wirtschaften. Angesichts einer alternden Gesellschaft einerseits und der Knappheit bei fossilen Energieträgern andererseits hängt unsere Zukunft an diesen technologischen Entwicklungen. Hinzu kommt: Die Zukunftstechnologien aus Sachsens High-Tech-Labors machen das leben nicht nur schöner und besser, sondern schaffen auch neue, attraktive, weltweit konkurrenzfähige Arbeitsplätze.
Unsere Aufgabe ist es, Innovationen den Weg in die Praxis zu ebnen, damit aus sächsischen Erfindungen sächsische Arbeitsplätze werden.
Dafür braucht es ein paar Dinge, die gar nicht futuristisch klingen: Infrastruktur, Vernetzung, Bildung, Kultur. Aber: Sie sind die Basis einer guten Zukunft.
Nehmen wir die Infrastruktur. Auch im Zeitalter des Internets braucht man echte Fabriken und echte Autobahnen, um die High-Tech-Güter produzieren und zu den Kunden in aller Welt bringen zu können. Darum hat die Staatsregierung in den vergangenen 17 Jahren mehr investiert als jedes andere Bundesland. Wir haben leistungsstarke Straßenverbindungen und mit Leipzig einen internationalen Flughafen, der sich gerade zu der europäischen Drehscheibe im Luftfrachtverkehr entwickelt.
Wir haben in der Nähe der Autobahnen und Flugplätze Industrieparks errichtet, in denen sich namhafte Unternehmen aus allen wichtigen Branchen angesiedelt haben. Hier in der Nähe des Flughafens zum Beispiel die vier Dresdner Chip-Schmieden AMD, Infineon, Qimonda und ZMD. Nicht zuletzt hat Sachsen in leistungsstarke Datenautobahnen investiert, die sächsische Unternehmen zuverlässig mit der ganzen Welt verbinden.
Vernetzung ist aber nicht nur mit Blick auf moderne Datennetze wichtig. Trotz Email und Internet gilt noch immer: Entwicklung braucht räumliche Nähe. Dort, wo Industrie, Forschung und Hochschulen nahe beieinander sind, bekommt die technologische Entwicklung neue Impulse – und regt wiederum die wirtschaftliche Entwicklung an.
Darum sind Investitionen in Industrieparks, Technologie- und Innovationszentren, Universitäten und Institute, die Grundlagenforschung betreiben, gut angelegtes Geld. Denn es entstehen Cluster, die eine starke, selbsttragende Dynamik entwickeln. Das kann man hier im Dresdner Norden gut beobachten, wo sich um die Chipfabriken herum zahlreiche Zulieferer, Service-Unternehmen, Forschungseinrichtungen und weitere Industrie angesiedelt haben.
Eine ebenso wichtige Rolle wie Infrastruktur und Vernetzung spielt die Bildung. Die Qualität unseres Bildungswesens entscheidet darüber, ob wir bereit für die Zukunft sind.
Helle Köpfe sind seit jeher der wichtigste Rohstoff unseres Landes. Gut ausgebildete Fachleute und umtriebige Unternehmer haben im Erzgebirge das Silber zu Tage gefördert. Heute stellen sie Silizium her, den Basisrohstoff des Computerzeitalters, und fertigen daraus Chips und Solarmodule.
Was auch immer die technische Entwicklung in den nächsten 15 Jahren bringen mag: Unsere Jugend soll bereit und in der Lage sein, die neuen Chancen zu nutzen. Sachsen steht dabei sehr gut da. Unsere Schüler gehören laut PISA zu den Besten in Deutschland und zur Spitzengruppe in der Welt. Beim Bildungsmonitor 2006 kam unser Bildungssystem wieder auf den ersten Platz. Unsere Hochschulen sind exzellent, auch ohne offiziellen Titel. Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Wirtschaft wird stetig ausgebaut.
Keine Frage: Wir müssen noch besser werden. Die Bevölkerung schrumpft, die stark besetzten Altersjahrgänge gehen in Rente, schwach besetzte Jahrgänge rücken nach. Wir müssen das, was wir hier in Sachsen aufgebaut haben, bald mit weniger Erwerbstätigen fortführen und ausbauen.
Darum ist klar: Die Zahl der Schulabbrecher muss noch weiter sinken. Unsere Schulen müssen noch besser als bisher auf den künftigen Beruf und das Studium vorbereiten. Wir müssen die Liebe zu Technik und Mathematik, zu Informatik und Naturwissenschaften noch stärker fördern.
Bildung ist aber nicht nur eine Frage von Wissen und Fertigkeiten. Bildung ist auch eine Frage der Kultur. Wir können unseren Kindern eine exzellente Schulbildung mit auf den Weg geben – und ihnen zugleich eine ordentliche Ladung Pessimismus in den Rucksack packen.
Besser ist: Wir lehren sie auch Optimismus, wir wecken ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, und wir bestärken sie darin, Chancen zu nutzen und Risiken einzugehen. Erst ein wacher Unternehmergeist aktiviert unsere Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Vernetzung. Erst der Unternehmer spricht das „Sesam öffne dich“, dass die großen Potenziale unseres Landes erschließt.
Dieser Unternehmergeist und die Offenheit für Innovationen prägen die Geschichte unseres Landes. Gelingt es uns, diese Kultur der Offenheit, des Wagemuts und des Ausprobierens zu erhalten, dann wird Sachsen auf der Welle des technischen Fortschritts surfen können. Dann wird Sachsen wie bisher einer der Pioniere des Wandels sein, ein moderner Teil der Welt des 21. Jahrhunderts.
Wir alle hier arbeiten daran, Sachsens Weg in die Zukunft zu begleiten. Wir wissen: Das ist kein leichtes Unterfangen. Eine hochkomplexe, vernetzte Welt braucht hochkomplexe, vernetzte Antworten.
Das verlangt uns viel ab. Immer spezielleres Wissen einerseits, den Blick für das große Ganze andererseits. Die Fähigkeit, sich in komplizierte Sachverhalte hineinzudenken, wie die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und mit der nötigen Gelassenheit zu reflektieren. Die Bereitschaft, rasch zu entscheiden, um im rechten Moment auf die Welle aufspringen zu können. Durchhaltevermögen, damit man nicht gleich vom Surfbrett fällt. Einen Schuss Kaltblütigkeit, damit man nicht wegen jedem Lüftchen in Panik gerät. Und Voraussicht, damit man rechtzeitig die nächste große Welle erkennt.
Ich glaube, wir haben hier in Sachsen alle diese Eigenschaften und Fähigkeiten. Wir lassen uns von den Risiken den Blick auf die ungeheuren Chancen nicht verstellen. Wir nehmen schlechte Nachrichten zur Kenntnis, lassen uns davon aber nicht lähmen, sondern packen vielmehr doppelt so energisch zu.
Kurzum: Wir sind bereit und in der Lage, die Zukunft zu gewinnen. Das ist die Botschaft, die heute von der Internet Night ausgeht. Meine Damen und Herren, bitte tragen Sie diese Botschaft weiter. Sagen Sie weiter: Wir sind auf dem richtigen Weg in die Zukunft. Und helfen Sie auch weiterhin mit Ihrer Arbeit mit, dass Sachsen Kurs hält – Richtung Zukunft.
Vielen Dank!
(Es gilt das gesprochene Wort)
Hier können Sie die Rede Prof. Dr. Georg Milbradt herunterladen (PDF, 25 kB).





