Volker Schimpff: Festrede bei der Kreisgruppe Chemnitz der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen im Platner-Hof Chemnitz (05.05.2007)
Mit der Bitte, zum 15jährigen Bestehen der Kreisgruppe der Ost- und Westpreußen in Chemnitz am Europatag 2007 die Festrede zu halten, haben Sie mir eine Ehre erwiesen. Mit Vergnügen komme ich diesem Wunsch nach - nicht nur, weil es ohnehin meines Amtes als Vorsitzender der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der sächsischen CDU ist, sondern weil ich mich freue, vor Menschen sprechen zu können, die sich so in Liebe und Treue der alten Heimat verbunden fühlen. Und weil ich es vor Menschen tun darf, die selbst oder deren Familien von dem bitteren Kelch des Leides so viel und für die anderen Deutschen mittrinken mußten.
Heimat, meine Damen und Herren, ist ein unersetzliches und unvergängliches Gut. Die Vorfahren haben die Heimat gestaltet, und die Heimat hat uns geprägt. In der Heimat wird das Große und Ganze, werden Volk und Vaterland konkret, verbinden sie sich mit dem Leben des Einzelnen und der Familien. Die Heimat ist traulich, anheimelnd eben, wo das Vaterland groß und erhaben ist. Die Heimat zu verlieren ist darum so ein schweres, unmenschliches Schicksal, die Heimat zu behalten hohes Menschenrecht.Für Sie, meine Damen und Herren, gilt daher das Dichterwort von Theodor Fontane: "Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat so liebt wie Du." Und ich verbinde es mit einem anderen Dichterwort von Ernst Moritz Arndt:
„Das ganze Deutschland soll es sein!
O Gott vom Himmel, sieh darein
Und gib uns rechten deutschen Mut,
Daß wir es lieben treu und gut!"
Diese treue und gute Liebe zu Heimat und Vaterland wollen wir gemeinsam bewahren. Übrigens: Sachsen ist eines der nur zwei Bundesländer, in deren Verfassungen ausdrücklich das Recht auf die Heimat genannt wird.
Eine Festrede kommt nicht daran vorbei, über Unerfreuliches zu sprechen: Das Jahr 2007 enthält einen traurigen Jahrestag. Vor 60 Jahren, am 25. Februar 1947, erließen vier Generale der Siegermächte das Kontrollratsgesetz Nr. 46. Es handelte von der „Auflösung des Staates Preußen", des Staates, dem Ost- und Westpreußen den Namen gegeben haben.
Das war im Februar 1947: Da war die Vertreibung noch im Gange, denn die Russen hatten noch nicht endgültig entschieden, ob sie die Deutschen im nördlichen Ostpreußen nun als Arbeitssklaven behalten oder vertreiben wollten. Am liebsten hätten die Sowjetherrscher nur die Arbeitsfähigen behalten, und die anderen ließ' man wie die Fliegen sterben. Grausames Leid, das gerade den Überlebenden unvergleichbar erscheint - aber der nüchterne Sinn des Historikers zwingt mich zu sagen: Nein, es war kein Einzelschicksal nur der Deutschen. So etwas gab es überall in Stalins Reich, mancherorts genauso schlimm, mitunter noch schlimmer. Und es hat so etwas nicht nur unter den Sowjetkommunisten gegeben - auch die Nazis waren so mit anderen Völkern, und Teilen des eigenen, umgegangen.
Heutzutage wird gebetsmühlenartig der Satz wiederholt, die Vertreibung der Deutschen aus ihrer angestammten Heimat wäre doch nur die Konsequenz daraus gewesen, was Nazideutschland anderen angetan habe. Dieser Satz wird durch ständige Wiederholung nicht richtiger. Die Sowjetkommunisten haben auch andere Völker und Volksgruppen als die Ostpreußen entrechtet, versklavt, vertrieben, deportiert, fast ausgerottet, ohne daß man das mit „den Verbrechen Hitlers" begründen könnte. Und es gilt, was unser Altbundespräsident Roman Herzog vor zwei Jahren zu Recht feststellte:
„Weder deutsche Kriegsschuld noch der Nationalsozialismus waren und sind eine Rechtfertigung für die Vertreibung. Vertreibung ist und bleibt ein völkerrechtlich zu ächtendes Unrecht, grade weil es auch heute noch in vielen Teilen der Welt vorkommt."
Als Christen wissen wir um den Wert jedes einzelnen Menschen, den Gott zu Seinem Bilde gemacht hat. Und als Deutsche kennen wir das schöne Wort des Ostpreußen Johann Gottfried Herder, daß die Völker Gedanken Gottes seien. Es waren menschenverachtende und gotteslästerliche Diktaturen, die damals so viel Unglück über die Menschen brachten. Niemand kann aus den einen Verbrechen irgendeine Rechtfertigung für die anderen Verbrechen ableiten.
Doch zurück zum Kontrollratsgesetz Nr. 46 vor sechzig Jahren. Es begann mit den Worten: „Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist ...".
